Michael Sennhauser DRS Filmblog

Nifff 10: STRASEK DER VAMPIR von Theodor Boder
Von Michael Sennhauser | 5. Juli 2010 – 22:05

Dass die guten Dinge manchmal direkt vor der Tür liegen, ist jedesmal wieder eine Überraschung. Eine besonders schöne im Fall von Strasek der Vampir von Theodor Boder. Boder hat seinen Film in der Schweiz gedreht, 1982 herausgebracht und dafür sogar eine Qualitätsprämie des Bundes erhalten. Es ist zugleich ein Experimentalfilm und eine Hommage – an Carl Theodor Dreyer, den dänischen Pionier des expressiven Stumm- und Tonfilms, den Schöpfer von Vampyr, neben Murnaus Nosferatu der Klassiker des Genres schlechthin. Aber was Boder mit einfachsten Mitteln, in Schwarzweissbildern und mit minimalistischem Synthesizer-Score da auf die Leinwand bringt, ist pure Poesie, sogar mit einem leisen Anflug von Humor. Die Geschichte des Jungen, den seine sterbende Mutter davor warnt, mit seinem ihm unbekannten Vater, dem Grafen, mitzugehen, die geht ans Herz. Nicht nur dem Publikum, sondern auch einem kleinen Mädchen in seiner Nachbarschaft, und später einer Pariser Journalistin, die in den verstörenden Genuss von Straseks Gastfreunschaft kommt, im Berner Oberland.

Als Titel ist mir der Film hin und wieder begegnet, gesehen hatte ich ihn bisher noch nicht. Und nun, nach der Entdeckung am NIFFF, folgt auch gleich noch jene der Webseite von Theodor Boder. Boder, der seine Energie mittlerweile offenbar verstärkt in Bücher und Fotografie steckt, offeriert auf der Webseite nicht nur Informationen und Bilder zum Film an, sondern den gesamten Film. Und gleich noch zwei weitere Werke, als legale kostenlose Downloads.

Das Filmerlebnis am heimischen Computer dürfte durchaus seinen Reiz haben. Allerdings kann wohl nichts die Stimmung an der heutigen Vorführung am NIFFF ersetzen. Da wurde gestaunt und hin und wieder auch herzlich gelacht (ohne Spott!), zum Beispiel in der Szene, als der verzweifelte Strasek angesichts der appetitlichen Journalistin in seiner Alphütte mit einem lebenden Schaf auf dem Rücken den Berghang hocheilt – wohl einem blutigen Picknick entgegen. Dabei ist das keineswegs ein komischer Film, im Gegenteil. Die Einsamkeit und Verlorenheit des Jungen sind so spürbar, dass das Publikum einfach Dankbarkeit zeigte für ein paar Momente der Erleichterung.

Strasek der Vampir ist ein filmisches Unikum, fotografisch komponiert, immer wieder aufmerksam auf Dreyer verweisend, in Lichtsetzung und Schattenführung durchdacht und manchmal zeitlos grossartig.

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